Eine kleine Einleitung

Architektur ist ein grundlegender Teil unserer Realität, die unser Leben und Handeln ständig beeinflusst. Sie ist eines der stärksten und sichtbarsten Zeichen der Zivilisation und des technischen Fortschritts mit repräsentativen, spirituellen und/oder wirtschaftlichen Funktionen. Sie erscheint in allen Formen und Gestalten, Stilen und Dekorationen, Materialien, und Maßen.

Architektur schafft Atmosphären für das Äußere: durch den Raum, den sie direkt einnimmt, in ihrer unmittelbaren Umgebung und als Hintergrund aus der Ferne. Dasselbe erreicht sie für das Innere, mit Raumstrukturen, Licht, Fenstern, Materialien und Farben.

All diese Aspekte der Architektur, und noch mehr, gelten sowohl für die reale als auch für die fantastische Welt. Besonders in Videospielen ist sie ein grundlegender Bestandteil der Weltgestaltung. Die in einem Spiel gezeigten Dörfer, Städte und Tempel geben dem Spieler ein visuelles Gefühl für die Handlung, eine besondere Atmosphäre und einen zeitgemäßen Rahmen. Formen und Stile in der Architektur von Videospielen konzentrieren sich darauf, die Funktion eines Gebäudes zu zeigen, einen Hinweis auf die Hintergrundgeschichte zu geben und oft eine epische Kulisse zu schaffen.

Besonders in Rollenspielen mit offenen Welten spielen Gebäude eine wichtige Rolle, um das Interesse und die Neugier des Spielers an der Fantasiewelt zu wecken, ihn dazu zu bringen, sie zu erforschen und in sie einzutauchen.

Um mit Hilfe der Architektur eine überzeugende Welt zu schaffen, werden Referenzen und auf verschiedenen Ebenen Rezeptionen von realer Architektur aus der Vergangenheit verwendet. Im Fantasy-Genre wird meist auf das europäische Mittelalter Bezug genommen. Je nach Handlung werden jedoch zur Unterscheidung von Orten, Nationen und Hintergründen auch aktuellere Bezüge herangezogen.

In diesem Artikel werden religiöse Gebäude thematisiert, wobei drei Beispiele aus Videospielserien mit einer umfangreichen Hintergrundwelt, hohem Einfluss auf das Genre und expliziten Bezügen zu Europa und dem Christentum in der Handlung, in der Architektur oder in beidem verwendet werden.

The Legend of Zelda

The Legend of Zelda ist eine Videospielserie, die von Nintendo entwickelt und veröffentlicht wurde. Das erste Spiel wurde 1986 veröffentlicht und gab der Serie ihren Namen. Seitdem wurden 19 Hauptspiele und einige Nebenspiele für alle Nintendo-Plattformen produziert. Die beiden Helden, Link und Zelda, tauchen seitdem auch in vielen anderen Nintendo-Spielen auf.

Mit mehr als 60 Millionen verkauften Exemplaren ist The Legend of Zelda eines der erfolgreichsten Spiele-Franchises, das die Kultur auch außerhalb des Spielebereichs beeinflusst hat. Es erlangte einen bedeutenden Kultstatus.

Die Welt von The Legend of Zelda

Die Protagonisten des Spiels sind Link, die spielbare Figur, und Zelda, die Prinzessin von Hyrule, das Königreich, in dem die meisten Abenteuer stattfinden. Der Antagonist ist der böse Dämon Ganon oder in seiner menschlichen Gestalt Ganondorf, der versucht, die Welt zu erobern, indem er alle drei Teile der Triforce, eines göttlichen Artefakts, kontrolliert.

Die Erschaffung der Welt durch die drei Göttinen
Bild via Gamepedia

Die Geschichte der Hintergrundwelt ist ziemlich kompliziert, mit einer großen Anzahl veröffentlichter Spiele, die in verschiedenen Epochen angesiedelt sind, mit Zeitreisen und sogar geteilten Zeitlinien. Daher wird der folgende Überblick kurz gehalten, um eine Orientierung zu geben.
Nach der Handlung der Zelda-Spiele wurde die Welt von drei Göttinnen erschaffen: Din, Nayru und Farore, die jeweils mit einem Aspekt der Göttlichkeit assoziiert werden: Macht, Weisheit und Mut. Nach der Erschaffung verließen sie die Welt, hinterließen aber auch die Triforce, ein allmächtiges Artefakt aus drei goldenen Dreiecken, von denen jedes für einen der göttlichen Aspekte steht. Jeder Wunsch, den der Besitzer des Triforce hat, wird in Erfüllung gehen.

Das Triforce
Bild via Gamepedia

Die folgenden Epochen sind geprägt von verschiedenen Kämpfen um die Kontrolle über das Triforce und den Bemühungen, dies zu verhindern. Nach Jahrhunderten lebten die menschlichen Nachkommen der vierten Göttin, Hylia, die vor Ort blieb, um das Triforce zu beschützen, in der Welt, die heute als Hyrule bekannt ist.

Um das Artefakt zu schützen, wurde es im Tempel des Lichts im Heiligen Reich aufbewahrt, einem Ort, der von Hyrule isoliert ist. Der einzige Eingang zum Heiligen Reich ist der Tempel der Zeit mit mehreren Sicherheitsvorkehrungen im Zentrum von Hyrule mit dem Meisterschwert als letztem Siegel.

Das Heilige Reich (Sacred Realm) im Spiel A Link Between Worlds
Bild via Gamepedia

Die Handlungsstränge sind sehr kompliziert und beinhalten Zeitreisen, alternative Zeitlinien, Reinkarnation, die Erblinie der Göttin Hylia und (wahrscheinlich) verschiedene Helden oder Nachkommen des ersten Helden namens Link.

Der Tempel der Zeit

Ocarina of Time (1998, Nintendo 64)

Da der Tempel der Zeit der einzige Eingang zum Heiligen Reich ist, ist es für Link ein außerordentlich wichtiger Ort, den er mehrmals besucht, um eine Zeitreise zu unternehmen.

Der Tempel der Zeit in Ocarina of Time
Bild via Gamepedia

Der Tempel befindet sich in einem kleinen Park in der Stadt, der zum Schloss Hyrule gehört. Der Spieler kann nur die vordere Fassade des Tempels mit dem Eingang sehen. Sie wird von einem Turm mit Turmspitze dominiert, der vom Gebäude nach vorne tritt. Er schließt das Eingangsportal in einem Rundbogen ein. Über dem Portal befindet sich eine Doppelbogenarkade mit einem Rundbogen- oder Rosenfenster darüber. Mit Abstand wird der Hauptturm in der Mitte von zwei kleineren quadratischen Türmen an den Rändern des Tempels flankiert. Ihre Höhe reicht bis zum oberen Drittel des Tempels, und sie sind mit ihm durch eine aufsteigende Wand verbunden. Links und rechts befinden sich außerdem zwei Doppelbögen auf gleicher Höhe. Das gesamte Gebäude besteht aus einer Art bräunlichem Stein und ist bis auf die Bögen und kleineren Öffnungen nicht dekoriert. Das goldene Triforce-Wappen ist in das Tympanonfeld eingebettet.

Der erste Saal
Bild via Gamepedia

Das Innere besteht aus zwei hintereinander liegenden Sälen. Der erste ist eine breite Halle, die von acht oder neun kantigen Pfeilern getragen und von hohen Grisaille-Fenstern beleuchtet wird. Der Fußboden ist bis auf einen in Weiß gehaltenen mittleren Teil in einem schwarz-weißen Schachmuster gefliest, das vom Eingang zu einem kleinen Altar am anderen Ende des Gebäudes führt. In der Mitte der Halle befindet sich eine sechseckige Plattform mit dem Triforce-Zeichen und anderen Symbolen. Hinter dem Altar befindet sich eine Rampe mit einer Treppe, die zu einem Steinportal führt, das von einem weiteren goldenen Triforce-Symbol und einigen dekorativen Rippen gekrönt wird, die zu ihm führen. Während des ersten Teils des Spiels muss der Held drei Artefakte einsammeln und sie auf dem Altar ablegen. Nach Abschluss dieser Aufgaben öffnet sich das Tor der Zeit zur zweiten Halle.

Temple of Time in Ocarina of Time, interior with the second hall, (c) 1998 by Nintendo

Der Grundriss dieser wichtigen Halle ist eine Zentralanlage mit neun Seiten. Sie wird durch mindestens ein Spitzbogenfenster beleuchtet. In der Mitte der zentralen Anordnung befindet sich ein weiterer, größerer sechseckiger Sockel mit zwei Stufen. In jeder Ecke befindet sich das Symbol eines der Weisen, der einen anderen, kleineren Sockel mit dem Triforce-Wappen und dem Meisterschwert, das in der Mitte herausragt, umgibt.
Wie aufeinanderfolgende Schichten sind das Gebäude und die Sockel mit den verschiedenen, wichtigen Symbolen um das Schwert herum angeordnet: Beginnend mit den neun Hauptwänden, über die sechs Seiten des Sockels bis hin zu den drei Seiten des Triforce mit dem einen Schwert in der Mitte.

Twilight Princess (2006, GameCube/Wii)

Temple of Time in Twilight Princess, interior of the first hall, (c) 2006 by Nintendo

Das komplette Äußere des Tempels der Zeit im Spiel Twilight Princess von 2006 wird nie wirklich gezeigt, nur ausschnittshaft als Ruine. Das Innere ist jedoch eine höchst sakrale, neue Version des vorherigen Tempels. Der Held steht oben auf einer repräsentativen Treppe, die hinunter in die längliche Eingangshalle führt. Mindestens drei große Spitzbogenfenster mit Glasmalereien in Grisaille auf jeder Seite erhellen den Innenraum. Zwischen jedem Fenster befindet sich ein Pilaster, der aus drei kannelierten Säulen besteht und in einem Reliefkapitell endet, wo das Gewölbe beginnt.

Temple of Time in Twilight Princess, interior of the first hall with wall details, (c) 2006 by Nintendo

Der Sockelbereich ist horizontal mit schlanken Ornamentstreifen und einer breiteren Marmorfläche verziert, gefolgt von einem Basrelief. Es stellt eine Szene mit sieben Personen in antiken Gewändern dar, die zur Rechten des Betrachters gehen. Die vierte Person von links hält eine Stange oder ein Zepter, während sie frontal steht und nach rechts blickt. Die Figur ganz rechts hält eine Vase oder eine Amphore. Diese Reliefplatte in Beige wiederholt sich überall in der Halle zwischen den Pfeilern und unter den Fenstern und auch auf dem Architrav über dem Portal am Ende der Halle.
Der Fußboden besteht aus poliertem Marmor mit einem dunkleren Muster an der Außenseite und einem elfenbeinfarbenem in der Mitte. Im Zentrum der Halle befindet sich ein rundes Intarsienwerk mit verschiedenen Verzierungen und ein goldenes Triforce in einem goldenen Quadrat in der Mitte der Halle.
Zwischen diesem und dem Portal am Ende befinden sich zwei kleinere Ziermedaillons, auf denen Wachen stehen.

Das Portal, das zur Halle mit dem Meisterschwert führt, hat hier einen monumentalen, antiken Rundbogen mit niedrigen Säulen, die das gleiche Design wie die in der Halle aufweisen. Außerdem gibt es einen Architrav und ein großes Tympanonfeld, das den Rundbogen mit dem Wappen der königlichen Familie Hyrules ausfüllt (das Zeichen der Göttin Hyrulia kombiniert mit dem Triforce).

Temple of Time in Twilight Princess, interior of the second hall with ciborium, (c) 2006 by Nintendo

Ein steinähnlicher Baldachin oder Ziborium mit einer Glocke darunter steht in der Mitte des folgenden Raumes. Die gesamte Farbgebung und Dekoration ist reduziert und steisichtig. Muster und Formen wiederholen sich aus der Eingangshalle wie im Portal auf dieser Seite, im Reliefband und in den Säulen. Auffallend sind zwei Halbreliefs mit gotischem Maßwerk in einem Spitzbogen.

Temple of Time in Twilight Princess, interior of the second hall with the skylight, (c) 2006 by Nintendo

Das Heiligtum des Tempels ist ein oktogonaler, kapellenartiger Raum, der aus unteren Pfeilern mit Spitzbögen besteht. Mindestens drei Bögen sind mit farbigen, ornamentalen Buntglasfenstern im Sockelbereich gefüllt. Diese ganze zentrale Anordnung wird durch ein Oberlicht beleuchtet (Bild 8), gefolgt von den acht Seiten der Bögen, die ebenfalls mit Glasmalereifenstern gefüllt sind. Das Oberlicht hat die Form eines Rundgewölbes und ist ornamental verziert. Direkt darunter befindet sich ein niedriger Sockel, ebenfalls mit acht Seiten, der mit dunklem Stein eingefasst, mit hellem Marmor gefliest und mit einem weißen Wappen der hyrulianischen Königsfamilie verziert ist. Ein weiterer quadratischer Sockel mit der Schwerthaltevorrichtung ist leicht hervorstehend.

Temple of Time in Twilight Princess, interior of the second hall with the Master Sword in the apse, (c) 2006 by Nintendo

Bezüge

Die äußere Gestaltung des Tempels in Ocarina of Time erinnert an kleinere Kirchen auf dem europäischen Land Ende des 19. Jahrhunderts. Da die gesamte Komposition auf geometrische Elemente ohne signifikante Dekoration reduziert ist, scheint eine romanische Anmutung beabsichtigt zu sein. Wichtiger ist jedoch, dass ein allgemeines religiöses oder sakrales Stereotyp gezeigt wird und nicht ein bestimmtes Gebäude. Durch diese Wahl des Designs wird der Tempel als ein besonderer und heiliger Ort definiert.

Aachen Cathedral, interior of the octagon by Charlemagne, around 800 with the mosaic decorations of the 19th century, (c) by Velvet under CC BY-SA 3.0

Die verschlossene Kammer mit dem bedeutenden Meisterschwert ist der Höhepunkt dieser architektonischen Strategie: Mit einem zentral ausgerichteten Raum erinnert sie an repräsentative achteckige Monumente, wie den Aachener Dom, der teilweise um 800 n. Chr. von Karl dem Großen erbaut wurde.

Pantheon in Rome, interior with vier of the vault and oculus, finished around 125 A.D., (c) by Xea under Public Domain

Dieses Gebäude folgt italienischen Vorbildern und greift auf monumentale Zentralbauten der Antike zurück, wie z. B. das Pantheon in Rom. Es repräsentierte ein architektonisches Ideal, und Karl der Große versuchte, eine Kontinuität mit dem Römischen Reich auch in der Architektur herzustellen, indem er beispielsweise erbeutete Säulen aus Ravenna und Rom in Aachen verwendete (als Teil der sogenannten translatio imperii).

Cathedral Saint-Denis, first gothic ambulatory, before 1144, (c) by Beckstet under CC BY-SA 3.0

In Twilight Princess ist der zentrale Raum mit dem Schwert eindeutig sakral und mit den leuchtenden, farbigen Glasfenstern und der Lichtorchestrierung deutlich von gotischen Kathedralen inspiriert.

Notre-Dame-du-Travail, Paris, chapel with art nouveau skylight, 1902, (c) by Mbzt under CC BY-SA 3.0

Das Oberlicht hingegen ist eine modernere Ergänzung. Einige Kirchen an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wurden mit modernen Materialien wie sichtbaren Stahlträgern und industriell orientierten Innenräumen gebaut. Die Dekoration wurde durch die Art Nouveau und dem Jugendstil mit Glas in der Apsis beeinflusst.

Les Galeries Lafayette Hausmann, Paris, interior with the skylight dome, store opening in 1912, (c) by Gind 2005 under CC BY-SA 3.0

Große Glaskuppeln im gleichen Stil finden sich in den berühmten Kaufhäusern wie den Galeries Lafayette in Paris, die von Ferdinand Chanut entworfen und 1912 eingeweiht wurde.