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Extended Version: Toss a coin to your Witcher | Kamila Szutenberg

Toss a coin to your Witcher von Kamila Szutenberg
Bild via https://www.artstation.com/artwork/XBoArw

Der Song „Toss a coin to your Witcher“ aus der Netflix-Serie „The Witcher“ ist wohl jedem im Kopf hängen geblieben, so auch der Concept-Künstlerin Kamila Szutenberg.

Das Bild

Das stimmungsvolle Bild ist dabei in zwei Ebenen aufgeteilt: Vorder- und Mittelgrund gehen ineinander über und zeigen das Bett eines Baches, links und rechts eingerahmt von steil abfallenden Hügeln. Auf dem rechten, matschigen Pfad wird ein Reiter in Rückansicht gezeigt. Das Pferd trägt eine Decke, der Reiter selbst ist in einen dunklen Umhang gehüllt und hat wohl wegen der Witterung eine Kapuze auf. Auffällig sind die beiden Schwerter auf seinem Rücken, deren Schwertknäufe über seine Schultern ragen und das indirekte Licht der wolkenverhangenen Sonne (oder Mond?) reflektieren.

Aus diesem durch die Hügel eingerahmten Blick öffnet sich eine flache Landschaft mit Teich an dessen gegenüberliegender Seite eine mittelalterlich-orientierte Ruine liegt. Der vordere Bau scheint das Hauptgebäude gewesen zu sein mit mindestens zwei hohen Geschossen und Spitzbogenfenstern. Dahinter befinden sich noch höhere Geschossruinen mit kleineren Fensteröffnungen. Vögel umkreisen die Ruine.

Die graue Wolkendecke, die Pfützen, der Mantel des Reiters und ein leichter Nebel in und um die Ruine zeigen, dass es vor kurzem erst geregnet hat.
Hier wird auch ein besonderer Effekt des Bildes deutlich: die vordere Bildebene ist klar zu erkennen. Dagegen ist die hintere Ebene durch den Nebel und das indirekte Licht in einen Schleier gehüllt, der die Konturen und Elemente verwischt.

Das Bild steht hierbei deutlich in der Tradition der Romantik und ihrer stimmungsvollen Bilder. Betrachtet man andere Werke der Künstlerin, so sieht man einen deutlichen Einfluss gerade der deutschen Romantiker wie Caspar David Friedrich, Karl-Friedrich Schinkel etc.

Kamila Szutenbergs Werke zeichnen sich durch ihre monumentale Erhabenheit, und gleichzeitig wirken sie ruhig und kraftvoll.

Romantik und Fantastik

Für die fantastische Kunst, sei es nun Literatur, Malerei, Filme und Serien oder auch ganz aktuell Videospiele, ist die Romantik die wohl wichtigste Epoche. Denn hier liegen die Wurzeln der modernen Fantastik.
Alles begann schon Mitte des 18. Jahrhunderts mit dem sogenannten Gothic Revival in Großbritannien. Horror- und Schauergeschichten kamen in Mode und gleichzeitig setzte auch in der Architektur der erste historistische Bauboom in Form der Neugotik ein. Den wohl ersten Horrorroman schrieb Horace Walpole mit „Das Schloss von Otranto“ und gleichzeitig ließ er für sich ein Anwesen errichten, dass komplett in diesem neuen-alten Baustil geplant wurde: Strawberry Hill.

 

Strawberry Hill in Twickenham (UK), entworfen von Horace Walpole
Bild via Wikimedia

Die Romantik selbst drückte sich vor allem in Malerei und Literatur aus, Bauwerke brachte sie nicht hervor. Doch sollte man den Historismus mit seiner Orientierung an vergangenen Bauepochen als eng verwandt ansehen. Beide Richtungen orientierten sich an einer Vergangenheit, die verklärt und überhöht dargestellt wurde und die man in neuen und alten Formen wieder aufleben lassen wollte.

In dieser Zeit, also dem Ende des 18. Jahrhunderts und vor allem im 19. Jahrhundert wurden auch Mythen, Sagen und Märchen neu entdeckt, geschrieben und umfangreich illustriert. Die Popularität beispielsweise der Grimmschen Märchen ist bis heute ungebrochen und legen das Fundament der modernen Fantastik, vor allem der Fantasy.

Aber auch die Science Fiction wurde Mitte des 19. Jahrhunderts geboren, als die Industrielle Revolution die Lebenswelt der Menschen so stark veränderte, dass auch damals schon vor technologischen Umbrüchen, Globalisierung und einer zu schnellen Entwicklung gewarnt wurde. Doch war es auch die Zeit großer, wissenschaftlicher Entdeckungen und Erfindungen, die sich in einer allgemeinen Zukunftsgläubigkeit ausdrückte (gleichfalls wurde Vergangenheit und Zukunft in Form der Geschichtswissenschaften erst hier erfunden). Jules Verne dürfte einer der ersten und bis heute bekanntesten Begründer der Science Fiction sein.

Die romantische Bildkunst ist geprägt von etwas, das schon die Zeitgenossinnen und Zeitgenossen als „Erhabenheit“ bezeichneten. Erstmals wurden außerhalb des religiösen Kontextes Dinge dargestellt, die dem Bereich des Wunderbaren zuzurechnen sind. Das Magische und Fantastische hielt endgültig Einzug in die Kunst.

Erhabenheit drückt sich aber auch in anderen Bildmotiven aus. Besonders wichtig für die Romantik wie auch die Fantastik ist das Monumentale. Titanische Bauwerke, eine beseelte, überwältigende Natur und dramatische Szenen finden sich immer wieder. Das Große und Überwältigende findet sich ebenfalls bis heute in allen fantastischen Werken, teilweise sogar durch die Übernahme von Bildkompositionen aus dem 19. Jahrhundert.

 

Oben eine Illustration aus dem 19. Jh. von John Martin für „Paradise Lost“ von Milton.
Unten eine Rezeption des Werks in „Star Wars“.

Neben all diesen Punkten zeichnet sich die Romantik aber auch dadurch aus, dass sie stark nach Innen gekehrte Motive aufweist. Emotionen, Einsamkeit und der Zustand des Ichs und der Seele werden behandelt. Dies zeigt sich in der Ruhe vieler Werke wieder, die trotz monumentaler Elemente etwas ausstrahlen, das für Kontemplation und innere Bewegtheit steht.

 

Der Wanderer über dem Nebelmeer von Caspar David Friedrich.
Eines der berühmtesten Werke der Romantik.
Bild via Wikimedia.

 

Geralt von Riva als romantischer Held?

Die romantischen Motive im Bild von Kamila Szutenberg passt dabei gut zum Titelhelden von The Witcher: Geralt von Riva. Er ist ein einsamer Reisender, in sich gekehrt und wortkarg. Dabei steht er jedoch immer für seinen persönlichen Wertekanon ein, hilft Personen (Menschen, Elben, Zwerge etc.) in Not und hat, gut versteckt, einen weichen Kern.

Sowohl im Videospiel als auch der TV-Serie sehen wir ihn häufig durch einsame Landstriche reiten, mit seinem Pferd als einzigem Bezugswesen. Gerade im erfolgreichen Spiel „The Witcher 3“ wird die riesige Open World mit ihren unterschiedlichen Landschaften auf romantische und malerische Weise gezeigt mit beeindruckenden Szenerien und Sonnenuntergängen oder Mondnächten.

Auch hier lebt das Erbe der Romantik weiter, sowohl in den Bildern wie auch der Atmosphäre und Stimmung.

Kamila Szutenberg und die Romantik

All dies findet sich im Gesamtwerk der Künstlerin Kamila Szutenberg. Betrachtet man ihre anderen Werke auf ArtStation oder Instagram ist der Einfluss der Romantik stets präsent. Häufig zeigt sie historisierende Bauwerke, vielfach in ruinösem Zustand (ein weiteres, wichtiges Motiv in der Romantik), die überwältigend und erhaben wirken. Dennoch sind alle diese Kunstwerke stets ausgeglichen und strahlen Ruhe aus. Die dargestellten Personen sind dabei meist allein und erscheinen in sich gekehrt, wobei sie nicht im absoluten Zentrum des Bildes stehen.

 

Abtei im Eichwald von Caspar David Friedrich
Die Verbindungen zu Kamila Szutenbergs Werken ist deutlich: Ruinen, kahle Bäume und diffuse Lichtstimmung bei gleichzeitiger Ruhe und mystischer Stimmung.
Bild via Wikimedia

Kamila Szutenberg kann mit Recht als eine der herausragendsten Künstlerinnen im Bereich des Fantastischen bezeichnet werden. Die Qualität ihrer Werke sticht deutlich heraus und zeigt sich in jeder Bildfindung und Komposition. Wie bei „klassischen“ Werken im Museum möchte man stundenlang davor sitzen oder stehen und sich in den Bildern verlieren. Was auch sofort geschieht, denn sie bannen den Blick und ziehen die/den BetrachterIn in die von Szutenberg geschaffenen Welten.

Die Künstlerin

 

Kamila Szutenberg ist freischaffende Concept Artist mit einem Schwerpunkt auf Concept Art & Design, Umgebungen (Environment Art & Design) und Illustrationen. Sie arbeitete dabei vor allem für führende Spieleentwickler wie Bethesda und Filmstudios wie Warner Brothers.

Sie lebt in Tübingen, Deutschland.

Und zum Abschluss: Der Song!

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