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Extended Version: Bloodborne, das Böse und die Gotik

Gotik und Fantastik

Mit dem Begriff Gotik sind Bilder und Begriffe verbunden, die von einem alten Stamm, der durch Europa wandert und den Fall des Römischen Reiches massiv beeinflusst hat, bis hin zu einer schwarz gekleideten Subkultur seit den 1980er Jahren reichen. Darüber hinaus umfasst dieser Begriff einerseits gespenstische Villen und Burgen mit bösen Mächten in ihnen und andererseits die Kathedralen des so genannten ‘Dunklen Mittelalters‘ mit glasgefüllten und aus Licht gebauten Wänden. Die vielfältigen und widersprüchlichen Dinge und Objekte, die mit der Gotik verbunden sind, machen sie zu einer der interessantesten und mehrdeutigsten Begriffe in allen Forschungsbereichen.

Promotionbild für Bloodborne
Bild via PlayStation Blog auf Flickr

Im Zusammenhang mit dem Fantastischen, insbesondere mit Fantasy und Science Fiction, könnte die Verwendung des Begriffs Gotik etwas klarer sein. Er ist eng mit der Geburt der modernen phantastischen Literatur im 18. Jahrhundert verbunden, mit Horace Walpols Das Schloss von Otranto (1764), dem ersten der Gothic-Novels, die Literatur, Kunst und Film bis heute inspirieren. Mit Mary Shelleys Frankenstein (1818), Edgar Allan Poes Werk (z.B. The Fall of the House Usher, 1839) und später Bram Stokers berühmtem Dracula (1897) hat die Verbindung zwischen Horror und Architektur ihre Grundlage gefunden.

Buchcover für die Kindle-Ausgabe
Bild via Amazon (keine Werbung)

Diese, und natürlich viele andere Autoren, benutzten alte Herrenhäuser und Schlösser, um dem negativ gesehenen Übernatürlichen und dem Bösen eine Heimat zu geben. Meist wurden diese Bauwerke in einem gotisch geprägten Baustil gezeigt oder übernahmen dessen architektonische Besonderheiten. In Kombination mit den romantischen Bildwerken des 18. und 19. Jahrhunderts, die ebenfalls gotische Architektur zeigte, begann die Verbindung zwischen Gotik und Fantastik.

Nicht nur die ersten Horrorromane benutzten mittelalterliche, oder synonym verwendet “gotische“, Schauplätze, um dem Bösen eine Heimat zu geben. Als das Fantastische im 20. Jahrhundert durch Filme und Illustrationen, Comics, Fernsehsendungen und Fan Art für ein breiteres Publikum visuell zugänglich wurde und sich mehr in verschiedene Genres wie Fantasy, Science Fiction, Horror, Steam Punk usw. aufspaltete, blieb die Verbindung zwischen den gotisch anmutenden Architekturen und den bösen Schauplätzen bestehen.

Sie ist sowohl in der mittelalterlich orientierten Fantasy als auch in der futuristischen Science Fiction zu finden. Gotische Merkmale und Motive werden in dekorativer Weise oder zur Konstruktion eines ganzen Gebäudes verwendet. Die Formen reichen von historischen Rezeptionen bis hin zu variierten, erweiterten oder transformierten Ausführungen.

Das Videospiel Bloodborne

Das Videospiel Bloodborne wurde von FromSoftware entwickelt und im Jahr 2015 von Sony für PlayStation 4 veröffentlicht. Es handelt sich um ein Action-Rollenspiel mit einer Hauptfigur namens The Hunter, dessen Handlung auf Kampf und Erkundung ausgerichtet ist.

Promotionbild für Bloodborne
Bild via PlayStation Blog auf Flickr

Die Welt von Bloodborne wird als eine heruntergekommene viktorianische Stadt namens Yharnam beschrieben, die für ihre medizinischen Fortschritte bekannt war, wobei Blut die Hauptrolle spielte. Nachdem eine Seuche die Bevölkerung heimgesucht und in Monster und Albträume verwandelt hatte, ist die Stadt im Verfall begriffen, größtenteils verlassen und ein Ort, an dem sich das Böse ausbreiten kann. Yharnam besteht aus verschiedenen Bezirken und Ebenen und weist auch die genretypischen Dungeons mit ihren Schrecken, auf, die es zu überwinden gilt.
Das Spiel gehört zum Horrorgenre und spielt im 19. Jahrhundert, wobei reale architektonische Bezüge in Kombination mit künstlerischer Schöpfung verschmolzen werden.

Standbild aus Bloodborne
Bild via PlayStation Blog auf Flickr

Die Stadt besteht aus vielen hohen und repräsentativen Gebäuden mit bis zu vier oder mehr Stockwerken. Viele Aussichtspunkte, zum Beispiel die Große Brücke oder die Türme der Großen Kathedrale, nutzen die Silhouette der Stadt mit ihren spitzen Türmen und Türmchen als Hintergrund. Alle Gebäude folgen der Neo-Gotik des 19. Jahrhunderts, meist im englischen Stil, mit Zinnen, Fialen und Wimpergen. Besonders die Fialen werden als kleinere Abschlüsse von architektonischen Elementen wie Portalen oder Kanten überall verwendet. Sie passen zu den größeren Dächern und Türmen, die demonstrativ spitz und gezackt gestaltet sind.

Standbild aus Bloodborne
Bild via PlayStation Blog auf Flickr

Die architektonischen Grundelemente der Gotik sich überall, sowohl im Außenbereich wie in der Innenausstattung. Auch kleinere Objekte wie Kamine oder Regale sind mit Lanzettbögen und Maßwerk verziert.
Ein gutes Beispiel für die Außengestaltung ist die Oedonkapelle. Die sechs Stockwerke hohe Fassade ist mit verschiedenen gotischen Architekturelementen verziert. Alle Pfeiler und Kanten enden in Zinnen, die größeren Spitzbögen über den Portalen und Fenstern sind mit Vierpässen und anderen Maßwerkselementen gefüllt.

Oedon-Kapelle im Hintergrund
Bild via Bloodborne Wiki

Die genannten Aussichtspunkte zeigen das kombinierte Ergebnis dieser vertikalen Elemente: Die Stadt weist ein homogenes Erscheinungsbild auf und damit eine überwältigende Masse an scharfen Kanten und Spitzen.

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Neben dem einheitlichen, architektonischen Design und der konzentrierten Ansammlung an Gebäuden, unterstreicht die Farbgebung mit dunklen und schmutzigen Farben das Bild der Stadt als eine Einheit. Auch herrscht immer Nacht mit Nebel und diffusem Mondschein oder ein Sonnenuntergang mit bewölktem Himmel wird gezeigt, was die Horror-Atmosphäre unterstützt und das gezackte und spitze Erscheinungsbild der Stadt unterstreichen, beziehungsweise als Hintergrund hervorheben soll.

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Ist die Gotik böse?

Da der gotische Stil seit Jahrhunderten für repräsentative Funktionen, religiöse Kontexte und als eher positives Sinnbild für das Mittelalter verwendet wurde, stellt sich die Frage, wie die Gotik in den fantastischen Medien im Zusammenhang mit Dunkelheit und dem Bösen Verwendung fand?

Wie eingangs schon erwähnt, wurde die Verbindung zwischen dunklen und bösen Schauplätzen und mittelalterlicher Architektur in Form von gotisch anmutenden Schauplätzen von Anfang an hergestellt. Horace Walpole, Mary Shelley, später Bram Stoker, Edgar Allan Poe und H. P. Lovecraft benutzten historische, mittelalterliche Gebäude, um das Grauen, das Übernatürliche und das Böse zu beherbergen. Literatur als textbasierte Kunst spielt viel mit unserer eigenen Vorstellungskraft, weshalb es nicht notwendig ist, vollständige architektonische Beschreibungen zu geben. Der Leser füllt den phantasievollen Freiraum mit seinen eigenen Erfahrungen und Vorstellungen davon, wie beispielsweise eine mittelalterliche Burg aussieht.

Doch wenn das Fantastische sichtbar werden muss, wie in Illustrationen, Filmen oder Serien, sind deutlichere Bezüge erforderlich. Schon vor 500 Jahren haben italienische Architekten die Gotik negativ dargestellt und als „barbarisch“ bezeichnet. Diese abwertende Betrachtung zieht sich bis weit in das 19. Jahrhundert hinein.

Man kann feststellen, dass der gotische Stil in all seinen Formen aus einer jahrhundertelangen Tradition heraus bevorzugt wird, um dem Bösen den richtigen Rahmen und die richtige Heimat zu geben. Die architektonischen Strategien bleiben über die Jahrhunderte hinweg sowohl in der realen als auch in der fiktiven Welt gleich; sie werden in der visuellen Fantastik sowohl für das Gute als auch für das Böse eingesetzt.

Die herausragenden und einzigartigen Merkmale aller gotischen Stile in Kombination mit speziellen Darstellungsweisen (wie Licht, Oberfläche, Ambiente, Zustand) machen diesen einflussreichen Stil zur ersten Wahl für das Böse.

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