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Extended Version: Generationenschiff Nauvoo & die Mormonen | The Expanse

The Expanse gehört zu den aktuell erfolgreichsten Science Fiction-Serien weltweit. Basierend auf der Buchreihe von James S. Corey (Pseudonym für Ty Franck und Daniel Abraham) produziert SyFy seit 2015 die gleichnamige TV-Serie, welche aktuell bei Amazon Prime zu sehen ist.

Die gewaltige Nauvoo mit der runden Tyhco-Station.
Bild via The Expanse Wiki

The Expanse spielt im 24. Jahrhundert und die Menschheit hat das Sonnensystem besiedelt. Die großen Machtblöcke Erde, Mars und der Gürtel stecken in einem mehr oder minder kalten Krieg miteinander um Ressourcen, Unabhängigkeit und Vorherrschaft. Als bedeutende, aber eher als Nebengruppe dargestellte, Fraktion wird die Glaubensgemeinschaft der Mormonen gezeigt.

Diese missionieren und sammeln Geld für das zu Beginn der Handlung gewagteste und ambitionierteste Projekt der Menschheit: den Bau des Generationenschiffs Nauvoo. Mit dessen Hilfe möchten die Mormonen in die unbekannten Tiefen des Alls vordringen und einen neuen Planeten finden, der von Menschen besiedelt werden kann.

Der Erfolg der Serie basiert unter anderem auf der überaus realistischen und hervorragend recherchierten Darstellung von Wissenschaft und Technologie, die bestehende Konzepte für die Weltraumbesiedlung, Gravitationserzeugung, Asteroidenbergwerke und so weiter überzeugend darstellt.

Doch neben diesen genretypischen Elementen greift die Serie auch bekannte Elemente des Mormonentums auf, die in das technologisch weiterentwickelte 24. Jahrhundert übersetzt werden. Denn die Nauvoo ist nicht nur ein Raumschiff, sondern auch ein fliegender Tempel und ein moderner Garten Eden für die Mormonen. So verwundert es nicht, dass Motive verwendet werden, die bezeichnend für die Mormonen sind.

Dazu gehört vor allem die gewaltige Statue des Engels Moroni auf der Spitze der Nauvoo. Aber auch das Design der Kommandobrücke und der gezeigte Tempel sind eindeutig mormonisch. Das zeigt sich vor allem in der Verwendung von strahlendem Weiß und Lichtelementen, goldener Dekoration und der für die Mormonen überaus bedeutsamen Darstellung von Besiedlung.

Die Statue des Engels Moroni auf der Spitze der Nauvoo.
Bild via The Expanse Wiki

Zwar gibt es auch Mormonen in Europa, doch gehören ihre Tempel und generell ihre Bekanntheit eher in den US-amerikanischen Raum, wo sie zahlreicher und präsenter sind. Deswegen dürften amerikanische Zuschauerinnen und Zuschauer eher mit dem trompetenden Engel Moroni und den strahlend weißen Bauwerken des Mormonentums vertraut sein.

Ein Engel auf der Spitze eines religiösen Bauwerkes gibt es auch im Christentum und gehört zur gängigen Dekoration von Turmspitzen. Auch trompetende Engel sind nicht genuin mormonisch. Sie stehen dabei immer für die Verkündigung des Evangeliums und die sicht- wie hörbare Verbreitung des Glaubens. Erhöhte Position, göttliches Wesen und mediales Instrument stehen dementsprechend seit Jahrhunderten für Reichweitenstärke.

Das Anbringen einer solchen Statue an der Spitze eines gewaltigen Raumschiffes, das in bisher unbekannte Gefilde aufbrechen soll, macht dementsprechend viel Sinn. Denn es ist natürlich auch ein Versuch, jenseits des Sonnensystems zu missionieren.

Jede Form der Dekoration und der architektonischen Gestaltung ist in solch einem Kontext natürlich auch immer mit repräsentativer Bedeutung aufgeladen. Der reinen Funktionalität eines Raumschiffes bringt so etwas natürlich nichts. Das gilt sowohl für die fantastischen Welten wie auch unserer realen Welt, denn der Grundsatz „form follows function“ der modernen Architektur ist und bleibt lediglich reine Theorie und verkennt das Repräsentationsbedürfnis von Menschen, Organisationen und Institutionen und die jahrtausendealte Codierung von architektonischer und bildlicher Bedeutung.

Aber zurück zu den „Mormons in Space“: Die markante Engelsstatue zeigt nach außen die Aufgabe und Mission (doppelter Wortsinn beabsichtigt) des Raumschiffs. Der innere Bereich wird von einer gewaltigen Trommel dominiert, die in Rotation versetzt werden kann und dadurch eine künstliche Gravitation erzeugen soll. Durch die Mitte der Trommel verläuft eine Lichtbahn, die eine künstliche Sonne darstellt und die Felder, welche an der Trommelwand angelegt werden, landwirtschaftlich nutzbar macht. Die Mormonen der Serie nennen es ihren Garten Eden.

Holographische Projektion des Innenraums der Nauvoo.
Bild via Pixel51.com

In der Serie wird auch ein kleinerer Tempelraum gezeigt. Ob er sich auf der im Bau befindlichen Nauvoo befindet oder auf der Tycho-Station, die das Schiff ausführt, ist nicht ganz eindeutig.
Doch werden auch hier wieder die typischen Gestaltungselemente mormonischer Sakralräume aufgenommen: die Farbe Weiß dominiert alles, indirekt, aber dennoch strahlend beleuchtet. Goldene Elemente akzentuieren den Raum, alles wirkt sehr transzendental, erhaben, und eben strahlend.

Dass dies keine Erfindung der Serienmacherinnen und -macher ist, zeigt ein Vergleich mit einigen Tempelbauten in den USA. Diese sehr modernen, stets in Weiß gehaltenen Bauwerke sind typisch für die Mormonen und weisen immer klare Linien, geometrische Grundformen und ein irgendwie kristallines Erscheinungsbild auf.

Bei einigen der Tempel erkennt auch ganz deutlich den gleichen Aufbau wie The Expanse hinsichtlich der Gestaltung von Turmspitzen, der Golddekoration und der Engelsstatue.

Der Mormonentempel in Washington, D.C., eröffnet 1974.
Bild via Newsroom

Die Tempel der Mormonen lassen sich meist in eine von zwei Kategorien einordnen: den historistischen Bauten und den modernen. Gerade die modernen Entwürfe wirken dabei durchaus futuristisch und dürften für so manchen Science Fiction-Entwurf Pate gestanden haben.

Doch auch im Bereich Fantasy wird die mormonische Architektur rezipiert und dient als Inspirationsquelle, gerade für Sakralbauten.

Kathedrale des Lichts in World of Warcraft.
(c) by Blizzard Entertainment

Im Multi Massive Online Role Play Game (MMORPG, schreibt sich immer leichter) World of Warcraft, einem der bedeutendsten Computerspiele überhaupt, findet sich in der Hauptstadt der Allianz, einer der beiden Hauptkonfliktparteien, die Kathedrale des Lichts. Deren Design ist eindeutig von dem Mormonentempel in San Diego abgeleitet, wie auch einer der Entwickler des Spiels bei Twitter bestätigte.

World of Warcraft mit seinem speziellen Design zeigt dies schon deutlich. Doch in der Realverfilmung „Warcraft – The Beginning“ wird dies nochmals deutlicher, denn dort ist die Kathedrale in echten (naja, computergenerierten) Stein übersetzt und zeigt deutlich die Bezugspunkte zur realen Architektur.

Gerade die in die Länge gezogenen Turmspitzen und der generelle Aufbau sowie die dominante Farbe Weiß unterstreichen dies. Doch bei der Filmversion kommen auch noch einige Bezüge zur mittelalterlichen Sakralarchitektur vor, die besonders spannend sind und eine stärkere Betonung des historisierenden Mittelaltersettings erzeugen soll, wie es im Genre Fantasy weiterhin maßgeblich ist. Die Mormonenarchitektur allein wäre hierzu nicht in der Lage.

Warcraft: The Beginning, Kathedrale des Lichts, (c) 2016 by Universal Pictures

Ein wichtiges Motiv in der mormonischen Glaubensvorstellung ist die Besiedlung neuer Gebiete. Deswegen werden auf der Brücke der Nauvoo auch Wandmalereien gezeigt, die auf die Besiedlung des Mittleren Westens in den USA im 19. Jahrhundert rekurrieren. Das macht mit der Funktion des Raumschiffs als Siedlungsschiff natürlich doppelt Sinn und zeigt eine intelligente Verschränkung der realen Glaubensgemeinschaft mit der Bedeutung in der fiktiven Welt.

Die Kommandobrücke der Nauvoo.
Bild via Reddit

Neben der besonderen Gestalt der realen Tempelarchitektur dürfte auch die Geschichte und der Glaubensinhalt des Mormonentums einer der Gründe für deren Wahl durch die Serienmacher gewesen sein. Futuristisches Design und Aufbruchsstimmung in unbekannte, neue Welten gehen hier Hand in Hand und erzeugen die herausragende Tiefe der erzählten Welt von The Expanse.

Gerade für nicht-amerikanische Zuschauerinnen und Zuschauer kommt auch noch ein Verfremdungseffekt hinzu, der durch die unbekannte Architektur und Dekoration erzeugt wird. Für ein internationales Publikum wird dann, wie im Falle des WoW-Films, gotische Architektur zur Charakterisierung des Bauwerkes als sakral hinzugenommen.

Egal wie, The Expanse zählt zu den aktuell ausgereiftesten, überzeugendsten und bedeutendsten Settings in der Science Fiction. Politik, menschliches Verhalten und existenzielle Fragen werden hier aufgegriffen und im futuristischen Setting behandelt. Gerade die Buchreihe dreht sich vor allem um diese philosophischen, politischen, kulturellen, und dadurch menschlichen, Aspekte und regt zum Nachdenken ein. Und ist dabei überaus spannend und unterhaltsam.

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