Über die Wurzeln der visuellen Fantastik in der romantischen Bildkunst

There is also an English version. Just follow the link.

Dieser Text wurde als Vortrag im Rahmen der 10. Jahrestagung der Gesellschaft für Fantastikforschung vom 18. bis 21. September 2019 in Berlin gehalten.

Einleitung

In diesem Beitrag möchte exemplarisch auf zwei Aspekte eingehen, die die Rezeption romantischer Bildmotive und historistischer Architektur in der modernen, visuellen Fantastik gut illustrieren und hierbei die enge Verzahnung der einzelnen Künste verdeutlichen: Die Mittelalterrezeption am Beispiel der Gotik sowie der Monumentalismus von Bauwerken in den Bildkünsten. Dies geschieht im Hinblick auf die Begriffe Erhabenheit und eine damit verbundene Sehnsucht. Dazu später mehr.

Aus kunsthistorischer Sicht umfasst die Romantik vor allem die Bildkünste, also Malerei, Illustration und Stich. Was „die Romantik“ jedoch nicht hervorbrachte, ist gebaute Architektur. Doch eng verwandt und mit ihr verwoben, können alle Neo-Baustile betrachtet werden: von der Neogotik des Gothic Revival in England ab Mitte des 18. Jahrhunderts hin zum Historismus und Eklektizismus des sehr langen 19. Jahrhunderts, der sich bis in die 1920er Jahre hält; in Form des Sozialistischen Klassizismus sogar bis in die 1960er Jahre.

Warum hole ich soweit aus? Weil für mich aus kunsthistorischer Sicht nur eine gemeinsame Betrachtung der modernen, visuellen Fantastik vor dem Hintergrund der romantisch-historisierenden Strömung des 18. und 19. Jahrhunderts sinnvoll erscheint. 

Hier liegen die Wurzeln von Fantasy, Science Fiction und Horror, sowohl in literarischer wie visueller Form.

Mittelalter und Gotik als neue Ideale und Sehnsuchtsorte

Romantik und Historismus haben gemein, dass man sich vom strengen Klassizismus verabschiedete, der für eine Orientierung an der Antike stand mit ihrer architektonischen Strenge, mit ihrer philosophischen Logik und dem daraus resultierenden, aufklärerischen Rationalismus. 

Das Mittelalter, einst von der Renaissance und den nachfolgenden Epochen als dunkel, gar finster und barbarisch verschrien, wurde zum neuen Fixpunkt der Künste. 

Angesichts der sich rasant entwickelnden Industrialisierung und den einhergehenden, gravierenden Veränderungen wurde es als Zeit verklärt, in der die Welt noch im Lot war. Die Gotik mit ihren himmelsstürmenden Kathedralen wird hierbei zum künstlerischen Ideal und steht für alles Mittelalterliche.

Das sogenannte Gothic Revival nahm seinen Ausgang Mitte des 18. Jahrhunderts in England mit dem Landsitz Strawberry Hill von Horace Walpole, der mit seinem Roman „Das Schloss von Otranto“, veröffentlicht 1764, auch eines der ersten Werke der literarischen Romantik schuf.

Das gotische Formenrepertoire wird auf die gesamte Architektur und die Innenausstattung angewandt, wobei man sich natürlich an der englischen Gotik orientierte. Diese Überfülle an gotischen Elementen wie dem Spitzbögen, Maßwerk, Wimpergen, Fialen und Krabben, wird bezeichnend für die neogotische Interpretation und hält Einzug in fantastische Werke. 

Besonders auffallend ist die Verwendung der Neogotik im Kontext Horror oder im Bezug auf „das Böse“. Denn die vertikalen, gezackten und spitzen Formen, am besten vor einem nächtlichen Himmel, mit Mondschein und Nebel, erzeugt die richtige, schaurig-böse Stimmung und wirkt monumental, einschüchternd und bedrohlich.

Diese düstere visuelle Rezeption wird verwendet, um eine Assoziation mit dem „dunklen“ Mittelalter zu erwecken. Dabei sind die Begriffe dunkel, düster und finster wörtlich zu nehmen, denn es werden die Gebäude immer mit dicker, dunkler Patina gezeigt, die dies unterstreichen soll. 

Die Rezeption der gotischen Architektur in der Fantastik scheint zwiespältig zu sein: Denn andererseits gibt es auch eine strahlende, helle und positiv besetzte Gotik- und Neogotikrezeption in der Fantastik, die gerade die vertikalen, filigranen, majestätischen Elemente betont. Dies geht häufig einher mit Formen des Jugendstils, der sich aus den gotischen Formen entwickelt hat.

Im Sammelkartenspiel „Magic – The Gathering“ wird dies in der Edition „Ravnica – Stadt der Gilden“ sehr deutlich. Vom gleichen Künstler geschaffen, zeigen die Illustrationen für vier der fünf Basislandtypen gotische Architekturelemente. 

Da jedem Farbtyp gewisse Fähigkeiten, Kreaturen und Zaubertypen zugeordnet sind, werden die Bauwerke der Landkarten entsprechend hell oder düster, bedrohlich oder erhaben dargestellt.

Ein bedeutendes Bindeglied zwischen der romantischen Bildkunst und der visuellen Fantastik stellen die frühen, abendfüllenden Disneyfilme dar. Hier wird das Märchenhafte, welches man wörtlich nehmen muss, insbesondere durch unterschiedliche Formen der Mittelalterrezeption dargestellt. Wie im späten Historismus kommt es zu einem Mix an Stilen und Bezügen und, wie es für die visuelle Fantastik elementar sein wird, zu Überformung, Idealisierung und Monumentalisierung.

Neben Bezügen zu Schloss Neuschwanstein, sind vor allem die Entwurfszeichnungen für Exterieurs und Interieurs für die Schlösser des Märchenkönigs Ludwig II., aber auch Kulissenentwürfe für diverse Wagneropern von besonderem Interesse. Denn Ludwig war stark durch Wagners opulent ausgestatteten Opernkulissen beeinflusst, was sich wiederum in den errichteten Bauwerken zeigt.

Diese romantischen Entwürfe mit ihren idyllischen Landschaften und malerischen Schlössern sind Vorlagen für die Disneyfilme. Als zweidimensionale Kunstwerke stehen sie dem Film sehr viel näher in Bildaufbau, Vermittlung und Darstellung als reale Bauwerke.

Im übrigen kommen unsere bis heute verwendeten Begriffe wie romantisch, idyllisch oder malerisch genau von solchen Kunstwerken und den Bildarrangements.

Erhabenheit und das Wunderbare

Romantik wie auch Historismus sind in meinen Augen emotionale Kunstepochen, die viel mit Überwältigung, Erstaunen und einer Artikulation von Sehnsucht in ihren Bildern und Bauwerken arbeiten. Diese Elemente sind Teil dessen, was man unter dem Begriff der Erhabenheit in der romantischen Kunst zusammengefasst hat. Erhabenheit soll ausdrücken, dass Bildinhalt, Motiv, Bildaufbau und/oder Bilddynamik etwas Unbekanntes, Wunderbares, über das Reale und Bekannte hinausgehende enthält. Eben etwas Fantastisches.

Bleibt man bei der Ansicht, dass Erhabenheit ein wesentlicher Aspekt romantischer Kunst ist, die über das Irdische und Endliche hinausweist und somit das Wunderbare, die Grundlage der Fantastik, darzustellen versucht, so muss ein wesentlicher Aspekt nun beleuchtet werden: Monumentalität als künstlerischer Versuch, genau das zu vermitteln.

Bei der Betrachtung visueller Werke der Fantastik, seien es Buchcover, Filme oder Videospiele, fällt ein deutlicher Hang zum Monumentalen auf. 

Wolkenkratzer in der Science Fiction sind nicht nur sehr hohe Türme, häufig sind es ganze Turmberge. Burgen, Tempel oder Paläste sind in der Fantasy nicht nur Repräsentationsgebäude, die schon immer eindrucksvoll gestaltet wurden, sondern Baumonumente in überdimensionaler Größe mit häufig jedweder Statik zuwiderlaufenden Konstruktionen.

Ich möchte hierbei zwischen zwei Formen unterscheiden: Monumentale Naturdarstellungen sowie Monumentalarchitektur. 

Beide Formen gab es natürlich auch schon in früheren Kunstwerken, doch die Romantik verherrlichte sowohl die Natur als auch die Architektur auf monumentale Weise und hob sie auf ein ganz neues, eben fantastisches Niveau. Denn die intendierte Überwältigung sowie der Versuch, durch das Monumentale etwas erfahrbar zu machen, was über das Reale und die menschliche Erfahrung hinausgeht, drückt sich hierin aus.

Wenden wir uns einem britischen Künstler des 19. Jahrhunderts zu, der beispielhaft für beide Formen des Monumentalen eindrucksvolle Werke geschaffen hat und die bis heute in die Fantastik nachwirken: John Martin. 

Martin ist vor allem bekannt für seine Szenen voller Dramatik und epischen Zerstörungen. Allen Entwürfen gemein ist die überwältigende Darstellung von Bauwerken, Höhlen und göttlichen Kräften.

Das dies auch in computergenerierten Bildern funktioniert, zeigt der Galaktische Senat in Star Wars, dessen Anlage von Martins Werk inspiriert wurde. 

Denn die beteiligten Künstlerinnen und Künstler bei Lucasfilm orientierten sich eindeutig bei der räumlichen Gestaltung des politischen Zentrums der Republik an Martins eindrucksvoller Illustration für John Miltons «Paradise Lost».

Hier sitzt Satan dem Höllenkonzil in einer monumentalen, eindrucksvollen Halle vor, deren Dimensionen und Grenzen kaum zu erkennen sind.

Abschlussgedanken

Diese architektonische Monumentalität findet sich in vielen Werken der visuellen Fantastik wieder: seien es Videospiele, Illustrationen für Bücher, Rollenspiele oder Karten, und natürlich in Filmen und Serien. 

Dabei spielt es keine Rolle, um welches Genre es sich handelt, die Überwältigung durch das Monumentale und der damit einhergehende Bruch mit unserer Realität und der uns bekannten Wahrnehmung beziehungsweise Einschätzung von Dimensionen  finden sich überall.

Mit diesem wilden Ritt durch drei Jahrhunderte romantischer und fantastischer Kunst habe ich hoffentlich einen Einblick in die Rezeptionen der Romantik und des Historismus in der visuellen Fantastik geben können. 

Das Erhabene, und damit einhergehend der emotionale Ausdruck einer Sehnsucht nach etwas Über- oder Außer-Irdischem, ist eines der Hauptthemen romantischer Kunst. Die zumeist idealisierte Darstellung historischer, religiöser oder mythologischer Szene in monumentalen oder malerischen Kulissen entspricht gänzlich den Bildwelten der modernen Fantastik. Hier wie dort werden historische Stile, monumentale Bauwerke oder gewaltige Landschaftsszenerien verwendet um das Wunderbare, das Andersartige, das Erhabene darzustellen. 

Für uns als Rezipienten des Fantastischen wird durch die Mischung von vertrauten und erhabenen Elementen das Tor zwischen Realität und Fiktion passierbar gemacht.


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